Universität Halle richtet Vernetzungsstelle für Pädagogik und Autismus ein

Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) möchte Lehrerinnen und Lehrer und Lehramtsstudierende für die Bedürfnisse von Menschen mit Autismus sensibilisieren. Dafür wird eine neue Forschungs- und Vernetzungsstelle eingerichtet. Gefördert werden sollen neue Forschungsprojekte zu Autismus und Kooperation mit anderen internationalen Forschungs- und Vernetzungsstellen sollen gefördert werden.

An der Universität Halle ist die deutschlandweit einzige Professur für Pädagogik bei Autismus angesiedelt. Bis zu seinem Ruhestand wurde sie von Prof. em. Dr. Georg Theunissen als Vertreter der Empowerment-Bewegung in den USA geleitet, 2012 hat Prof. Dr. Christian Lindmeier die Leitung übernommen. Lindmeier ist auch der Verantwortliche für den Aufbau und die Umsetzung der neuen Forschungs- und Vernetzungsstelle, die sich die Aufgabe gestellt hat, Zertifikatskurse für Lehramtsstudierende und Weiterbildungsangebote für Referendarinnen und Referendare und tätige Lehrkräfte zu entwickeln. Zudem sollen Fachtage und Online-Angebote zum Thema Autismus entwickelt werden, Beratungsangebote für Einzelpersonen und Organisationen sollen entstehen und mehrere eigene Forschungsvorhaben sollen verwirklicht werden.

Aktuelle Statistiken zeigen auf, dass ca. ein Prozent der Menschen in Deutschland Autismus haben. Der Diagnose lastet häufig noch die negative Prägung einer Störung an, sagt Professor Lindmeier. “Moderne Ansätze gehen dagegen von dem Konzept der Neurodiversität aus. Die Grundidee ist, dass autistische Menschen keine Störung haben, sondern dass sie einfach andere Voraussetzungen mitbringen als die meisten Menschen”, sagt der Forscher weiter. Autistische Menschen hätten etwa Wahrnehmungsbesonderheiten, mehr oder weniger stark ausgeprägte Interaktions- und Kommunikationsbeeinträchtigungen und in seltenen Fällen die fast schon legendären Spezialinteressen oder -begabungen. “Jeder autistische Mensch ist anders als die anderen. Um dieser Vielfalt der Ausprägungen Rechnung zu tragen, hat sich inzwischen der Begriff des Autismus-Spektrums durchgesetzt”, erklärt Lindmeier.

Es sei wichtig, autistische Menschen relativ früh als solche zu erkennen, so Lindmeier. “Die Diagnose ist relevant für das gesamte Leben eines autistischen Menschen und seiner Familie, denn sie ermöglicht den Zugang zu vielfältigen Unterstützungsleistungen”, sagt er weiter. Dabei komme es sehr stark auf Verhaltensbeobachtungen naher Bezugspersonen an. Neben den Eltern seien das vor allem Lehrkräfte. “Eine pädagogische Perspektive ist daher hoch bedeutsam”, so Lindmeier. Entsprechend müssten Lehramtsstudierende aller Schulformen für das Thema sensibilisiert werden.

Langfristig ist angedacht, eine Beratungs- und Vernetzungsstelle an der MLU zu etablieren, die deutschlandweit und international Akteure aus Wissenschaft, Politik und Praxis miteinander vernetzt und Angebote für diese Gruppen entwickelt. “Aus unserem Alleinstellungsmerkmal in Deutschland resultiert auch eine erhöhte Verpflichtung für das gesamte bundesdeutsche Gebiet. Wir möchten ein Angebot schaffen, das regional und überregional sichtbar ist”, sagt Lindmeier. An der MLU gibt es bereits ähnliche Angebote, zum Beispiel eine Beratungsstelle zur Unterstützten Kommunikation und zur Hochbegabungsdiagnostik, mit denen Lindmeier künftig eng kooperieren will.

Die Forschungs- und Vernetzungstelle ist zunächst auf zwei Jahre befristet und soll danach möglichst in eine dauerhafte Struktur mit einer Landesförderung überführt werden. Die gemeinnützige “Stiftung Irene” unterstützt das Vorhaben zu Beginn mit einer Förderung in Höhe von 10.000 Euro.

Kontakt: https://www.reha.uni-halle.de