Jährliche Kosten für ADHS von 35,2 Milliarden Euro in Deutschland – Ein ADHS kostet 13.253 Euro pro Lebensjahr

(ww) Australien ist der europäischen Forschung zum Thema ADHS weit voraus. Und das, obwohl die Fallzahlen in beiden Ländern ungefähr gleich hoch sind. Erstmals wurden in Australien jetzt die finanziellen und sozialen Kosten von ADHS in einer Studie ermittelt.

Jährliche Kosten für ADHS von 13 Milliarden US-Doller in Australien

Forscher haben die relevanten Faktoren von ADHS für die Gesellschaft in Australien untersucht und kalkuliert und eine Summe von jährlich 13 Milliarden US-Dollar an sozialen und wirtschaftlichen Verlusten ermittelt. Die Studie ergab, dass in Australien die mit ADHS verbundenen finanziellen Gesamtkosten etwa 7,45 Milliarden und die sozialen Kosten 5,31 Milliarden US-Dollar betrugen.

Die finanzielle Gesamtsumme umfasst Produktivitätsverluste aufgrund von Fehlzeiten, Anwesenheiten trotz Einschränkung und Beschäftigungsrückgängen von 6 Milliarden US-Dollar, Kosten für das Gesundheitssystem von 321,1 Millionen US-Dollar, Bildungskosten von 74,1 Millionen US-Dollar, Kosten für Kriminalität und Justiz und 215 Millionen US-Dollar für staatliche Ausgaben für Dienstleistungen und Programme sowie reduzierte Steuereinnahmen von 790,9 Mio. US-Dollar.

Die nichtfinanziellen sozialen Kosten für verlorenes Wohlbefinden im Zusammenhang mit verminderter Lebensqualität und vorzeitigen Todesfällen im Zusammenhang mit ADHS beliefen sich auf 5,31 Milliarden US-Dollar.

Ergebnisse der Studie sind auf Deutschland übertragbar

Die Fallrate bei ADHS in Australien und Deutschland sind gleich hoch. Da auch die Handlungsansätze in Medizin, Rehabilitation, Teilhabe an Arbeit, Bildung und Gesellschaft ähnlich sind, lassen sich die Ergebnisse auf Deutschland übertragen.

In Australien wurde bei 3,2 Prozent der Bevölkerung (das sind bei 25,45 Millionen Einwohnern 814.400 Menschen) ADHS diagnostiziert. In Deutschland liegt der Bevölkerungsschnitt von diagnostiziertem ADHS auch bei 3,2%, was bei 83 Millionen Einwohnern allerdings 2.656.000 Menschen mit ADHS ergibt. Bei Kindern und Jugendlichen liegt die Fallrate in Deutschland mit fachärztlicher Diagnosestellung bei 4,8 % (7,9 % Jungen und 1,8 % Mädchen) etwas höher als bei den Erwachsenen. Zusätzlich gelten 4,9 % (6,4 % Jungen und 3,6 % Mädchen) als ADHS-Verdachtsfälle.

Jährliche Kosten für ADHS von 35,2 Milliarden Euro in Deutschland

Die Ergebnisse der Studie sind auf Deutschland übertragbar, wenn man sie auf die Bevölkerungsgröße umrechnet. Die finanziellen und nicht finanziellen Kosten von ADHS in Australien summieren sich bei 814.400 Betroffenen im Jahr auf 12,75 Mrd. US-Dollar, also 15.655 US-Dollar pro Betroffenem pro Jahr. Für Deutschland errechnen sich daraus bei 2.656.000 Betroffenen 41,58 Mrd. US-Dollar, umgerechnet 35,2 Milliarden Euro, also 13.253 Euro pro Betroffenem pro Jahr als Querschnitt auf die Lebensjahre.

Die Studie weist 81 Prozent der finanziellen Kosten aus Produktivitätsverlusten wie nicht gezahlter Lohnsteuer durch Beeinträchtigungen bei Ausbildung und späterer Berufsausübung und dadurch nicht gezahlte Mehrwertsteuer aufgrund eines beeinträchtigten Konsums aus. Entsprechend benennt die Studie auch die Unterstützung in der schulischen Bildung und Ausbildung und der Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz als eine dringliche Aufgabe im Bereich ADHS.

Studie zeigte die Wichtigkeit der frühen Erkennung von ADHS auf

Speziell die Untersuchungen des Murdoch Children’s Research Institute (MCRI) unter Leitung von Associate Professor Daryl Efron haben gezeigt, wie wichtig es ist, dass verhaltensbezogene und soziale Funktionsstörungen durch ADHS in den ersten Schuljahren von Lehrern und Eltern identifiziert werden und individuelle Leistungen zur Verfügung stehen, um frühzeitig einzugreifen zu können. Die Studie verfolgte 477 Kinder im Alter von sieben Jahren über drei Jahre und ermittelte ihre Leistung in einer Reihe von Bereichen im Vergleich zu Kindern ohne ADHS. Nur wenige der Teilnehmer wurden während der Studie mit Medikamenten behandelt.

Die Studie ergab, dass Kinder mit ADHS, die im Alter von sieben Jahren ein schlechtes Arbeitsgedächtnis hatten (eine begrenzte Fähigkeit, Informationen vorübergehend zu speichern), im Alter von 10 Jahren tendenziell schlechtere schulische Leistungen zeigten, während die Schwere der ADHS-Symptome mit ihren emotionalen Verhaltensauffälligkeiten korrelierte. Kinder mit ADHS, die mit sieben Jahren auch Symptome einer Autismus-Spektrum-Störung hatten, hatten im Alter von 10 Jahren eine stärkere emotionale und soziale Beeinträchtigung.

Verbesserung der Diagnostik und Behandlung von ADHS notwendig

“Unsere Ergebnisse legen nahe, dass ein breiter klinischer Ansatz zur Behandlung von ADHS erforderlich ist, der nicht nur das Symptommanagement, sondern auch die Identifizierung und Behandlung anderer Erkrankungen umfasst, die häufig gleichzeitig mit ADHS auftreten“, so Associate Professor Efron. Er betonte auch, dass die Dispositionen für schlechtere Ergebnisse unabhängig davon waren, ob Kinder diagnostiziertes oder nicht diagnostiziertes ADHS hatten. Die Forschung habe auch gezeigt, dass Kinder mit ADHS, die Beeinträchtigungen an der Teilhabe an Bildung hatten, von Lehrern identifiziert werden könnten, ohne dass eine formelle Diagnose erforderlich war, was die Intervention beschleunigen könnte, so Efron weiter.

Emma Sciberras, Associate Professor an der MCRI, sagte, die erheblichen sozioökonomischen Auswirkungen und Belastungen von ADHS sollten eine Verbesserung der Diagnostik und Behandlung vorantreiben. “Diese Daten weisen auf die beträchtliche Bedeutung von ADHS für die öffentliche Gesundheit und die Notwendigkeit einer Ausweitung der klinischen Dienstleistungen für die Erkrankung sowie auf erhöhte Forschungsinvestitionen hin”, sagte sie.

In Deutschland fehlen Handlungsansätze bei ADHS komplett

In Deutschland gibt es trotz der hohen Fallzahlen noch keine Förderansätze für Kinder mit ADHS. So sind die besonderen Beeinträchtigungen von Kindern mit ADHS in Schule und Ausbildung weitgehend unbegleitet. In Folge ist die Teilhabe an Arbeit und Beschäftigung für die Betroffenen meist lebenslang beeinträchtigt. Dabei ist in der ADHS-Forschung seit Jahren bekannt, dass Menschen mit ADHS enorme Stärken im Bereich Kreativität und Vertrieb haben können.

Für Kinder und Jugendliche müssen die Screening-Ansätze verbessert werden, mit denen ADHS-gefährdete Kinder früh im Leben identifiziert werden können. Darauf aufbauend braucht es eine ADHS-qualifizierte Förderung und Habilitation und eine Übergangsplanung in den Erwachsenenbereich. Eine besondere Schwierigkeit in der Förderung junger Menschen mit ADHS in Deutschland ist das Risiko einer Unterbrechung der Behandlung oder Begleitung beim Übergang vom Kinder- und Jugendbereich in den Erwachsenbereich. Dort fehlen ADHS-qualifizierte Fachkräfte und Dienstleistungen zur Förderung der Teilhabe.

Quelle

Die Studie „The social and economic costs of ADHD in Australia“ des Journal of Attention Disorders wurde von der australischen ADHS Professionals Association (AAPDA) und Deloitte Access Economics in Zusammenarbeit mit MCRI-Forschern durchgeführt und im Juli 2019 publiziert.
https://www2.deloitte.com/content/dam/Deloitte/au/Documents/Economics/deloitte-au-economics-social-costs-adhd-australia-270819.pdf