Autismus – Umsetzung von Inklusion und Teilhabe über das Persönliche Budget in der Eingliederungshilfe

von Wolfgang Wegener

Es gibt Menschen, die meinen beim Autismus lege der Prüfstein für die Inklusion allgemein. Es gibt sogar die Annahme, bei Autismus würde eine Inklusion aufgrund der besonderen sozialen Einschränkungen nicht umsetzbar sein. Natürlich ist es ungewöhnlich, wenn ein Mensch während eines Gespräches, im Schulunterricht oder am Arbeitsplatz spontan aufsteht, oder Laute von sich gibt oder scheinbar wie weggetreten und isoliert seine eigenen stereotypen Routinen verfolgt. Inklusion kommt bei Autisten auch an ihre Grenzen, wenn der Betreffende nicht mit fremden oder mehreren Menschen in einem Raum sein kann.

Inklusion von Autisten braucht individuelle und für jeden Menschen einzeln zu gestaltende Maßnahmen. Es gibt nur individuelle Wege zur Inklusion von Autisten, denn entgegen vieler anderer Störungsbilder ist der Autismus eines jeden Menschen anders. Es kann keine Inklusionskonzepte oder Maßnahmen für Autismus nach Diagnoseschlüssel geben. Alle Rollstuhlfahrer brauchen eine Rampe und alle Gehörlosen brauchen einen Gebärdensprachdolmetscher. Bei Autismus müssen die Maßnahmen zur Teilhabe wesentlich tiefgreifender und individueller sein, ansonsten können sie anstelle der erwarteten Hilfe für den Menschen eine zusätzliche Belastung darstellen.

Dennoch gibt es grundsätzliche Hilfen, die für jeden Autisten inklusiv wirken. Bei fast allen Menschen mit Autismus ist aufgrund der anderen Art der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung schnell eine nervliche Reizüberflutung gegeben. Ebenso haben alle Autisten mit sozialen und kommunikativen Hindernissen zu tun. Dies kann die Sprache an sich, die nonverbale Kommunikation aber vor allem das verstehen und einhalten gesellschaftlich anerkannter sozialen Regeln betreffen. Teilhabeleistungen wie man sie jetzt kennt, decken diese Bereiche für Autisten nur unzureichend ab.

Die Aufgabe der Inklusion von Autisten beschränkt sich zurzeit meist auf die klassischen Bereiche von Kindern und Jugendlichen wie z.B. Kindergarten und Schule. Autismus ist jedoch angeboren und nicht heilbar und besteht daher auch nach dem 18. Lebensjahr weiter. Diesem Umstand wird bei der Teilhabeplanung noch viel zu wenig Rechnung getragen. Zwar sind mit frühen Fördermaßnahmen in Kindheit und Jugend große Erfolge zu erzielen, doch für Erwachsene gibt es nicht einmal Therapiemöglichkeiten, reizreduzierte Wohnformen oder soziales Kompetenztraining. Diese Leistungen müssten von der Eingliederungshilfe erst angeregt, entwickelt und von qualifizierten Trägern umgesetzt werden.

Passende Teilhabeleistungen für Menschen mit Autismus wären z.B. Stressreduktion mit Neuro- oder Biofeedback, Optionen des Nach- oder Erlernens sozialer Regeln und Verhaltensweisen, autismusqualifiziertes Coaching in Veränderungsprozessen, Reflektionshilfe für soziale Interaktionen, reizreduzierter Arbeits- und Wohnraum, Autismus-Therapiehunde als Reizfilter sowie bilaterale Stimulationstechniken zum Abbau der autismusspezifischen Mikrotraumatisierungen. Vor allem aber braucht es qualifizierte Sozialarbeiter und Pädagogen für die Begleitung von Autisten. Es reicht keine Arbeitsassistenz oder Schulassistenz an sich, sie muss auch autismusqualifiziert sein. Obwohl Autismus aufgrund seiner steigenden Fallzahlen längst keine seltene Erscheinung mehr ist, wird in Ausbildung und Studium von Fachkräften selten darauf eingegangen.

Auch das Teilhabeverfahren selbst müsste für Menschen mit Autismus barrierefreier werden. Die soziale Hürde, einen Antrag auf Eingliederungshilfe zu stellen, ist für viele sehr hoch. Durch die sich aus dem Autismus oft ergebende soziale und persönliche Isolation und Hemmung steht der Betroffene zumeist alleine im Verfahren. Eine Hilfe für die Antragstellung und den Prozess der Anbahnung von Hilfeleistungen wäre aber im Vorfeld der Beantragung nötig. Hier greifen die Leistungen erst so spät, dass es in vielen Fällen gar nicht erst zu einer Antragstellung kommt. Autisten können von außen unerkennbar so stark eingeschränkt sein, dass es ihnen unmöglich ist, sich für ihre eigenen persönlichen Bedürfnisse einsetzen. In vielen Fällen fällt es dem Autisten sogar schwer, ein eigenes Bedürfnis in sich überhaupt zu erkennen.

Um Autisten die Teilhabe an der Teilhabe zu ermöglichen, muss die Lücke zwischen dem Vorhaben des Betroffenen und der Bewilligung und Realisierung von Teilhabeleistungen anbieterunabhängig geschlossen werden. Dies braucht speziell für Autismus qualifiziertes Personal, das um die besonderen und von außen nicht erkennbaren sozialen Einschränkungen bei Autismus weiß. Zusätzlich brauchen Mitarbeiter, die ein Teilhabeverfahren für Autisten einleiten wollen, ein hohes Maß an emotionaler und mentaler Klarheit und Stabilität um von Betroffenen akzeptiert zu werden. Nicht so ganz ernst gemeinte Randkommentare in der Hilfeplanung können einen Autisten mit seinen stereotypen und teilweise zwanghaften Denkmustern für Wochen blockieren.

Es macht keinen Sinn, Autisten eine Teilhabe wie Menschen mit Behinderungen zu gewähren. Die Hilfe verpufft, wenn nicht die autismusspezifischen Einschränkungen hinter dem sichtbaren Störungsbild reduziert werden. Wenn eine Integration in den Arbeitsmarkt für einen Autisten gelingen soll, braucht es neben den wirtschaftlichen Optionen wie z.B. dem Budget für Arbeit, auch qualifizierte Hilfen für den Betrieb. Gelungene Inklusion eines Autisten in einem Betrieb würde für insgesamt mehr Ruhe und weniger aggressive Kommunikation sorgen. Dies würde allen Arbeitnehmern und damit der Arbeitsleistung insgesamt zugute kommen. Es ist durchaus möglich, einen Autisten in ein Unternehmen am ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. In den letzten Jahren hat dies gerade die Computerbranche gezeigt.

Das Persönliche Budget und das Budget für Arbeit bieten für die Inklusion speziell von erwachsenen Menschen mit Autismus große Chancen auf ein Leben mit einer Beziehung zu sich selbst und Beziehungen zu anderen Menschen. Doch der Verfahrensablauf braucht dafür noch mehr Transparenz und Verlässlichkeit. Bereits im Vorfeld müssen sich Menschen mit Autismus mehr Orientierung verschaffen können. Die oft durch minutengenaue und bis ins Detail durchstrukturierte alltägliche Lebensgestaltung gibt ihnen Stabilität und Überschaubarkeit. Dies darf nicht durch ein unklares Budgetverfahren oder einen nicht überschaubaren Budgetablauf gefährdet werden. Sonst wird aus der gut gemeinten Hilfe ein noch größerer Verarbeitungsstau oder sogar eine erneute Traumatisierung.

Auch dürfen Hilfeleistungen durch das Persönliche Budget einen Menschen mit Autismus, der möglicherweise bisher sehr isoliert lebte, nicht durch zu viel Teilnahme am Leben überfordern. Soziale Teilnahme ist für einen Autisten Stress. Möglicherweise kommt Inklusion bei Autismus wirklich an seine Grenzen. Denn nicht wenige Autisten möchten gar nicht so viel Teilhabe und Teilnahme. Auch diesem Wunsch ist im Rahmen der Selbstbestimmung Rechnung zu tragen, auch wenn es dem gegenwärtigen Ich-bin-immer-online-Geist widerspricht. Inklusion von Autisten braucht Menschen, die sich Mühe mit Menschen geben, die anders sind. Und Inklusion von Autisten braucht Teilhabeverfahren die sozial barrierefrei sind.

Erschienen im Dezember 2015 in der Mutmacherbroschüre Teil 2
Herausgegeben von der Niedersächsischen Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen